Programm

 

RESONANZEN 2012 widmet sich der Auseinandersetzung mit Klangsphären des Stadtraums, der Arbeit und des Alltags.

Bereits vor 100 Jahren rückten Klänge der Großstadt, alltäglicher Lebensumgebungen oder aus Arbeitskontexten – dem Handwerk ebenso, wie der Großindustrie – in den Fokus künstlerischer Auseinandersetzungen. Den Futuristen etwa dienten diese Atmosphären zur Inspiration. Sie integrierten oder übersetzten deren Klangstrukturen in ihre künstlerischen Produkte: Musik, Lyrik oder auch Malerei. Neben der Aneignung dieser Klänge diente die Auseinandersetzung ebenfalls der Kritik dieser Lautsphären und der Untersuchung ihrer Bedeutung für das Subjekt der Moderne. Später, mit der Erfindung des Tonbands, folgten die Entwicklungen der Musique Concrète, welche Geräusche endgültig von ihren Quellen entfernte und sie verfügbar machte für eine musikalische Arbeit. Die musique concrète instrumentale schließlich eignete das Geräusch dem Instrument wieder an und eröffnete dem Komponieren für klassische Orchesterinstrumente neue Materialkontexte. Entscheidend für die Auseinandersetzung mit Alltagsklangsphären war die Entwicklung der Klangkunst seit den 1960er Jahren. Sie versetzt urbane Klangsphären und deren Reflexion in Kunsträume, ebenso, wie sie konkrete Klänge vor Ort aufsucht.

Die Klangsphären urbaner Landschaften haben sich in den vergangenen 100 Jahren mit den Städten, mit den Arbeitswelten, mit der Technik, mit dem sich wandelnden Alltag der Menschen weiter entwickelt. Manche Klänge haben sich ausdifferenziert, andere sind verschwunden. Klang ist immer ein direkter Ausdruck für den Zustand oder die Verfassung eines Ortes, einer Person oder eines Objekts. Er trägt zur Ausbildung deren Identität bei: wir erkennen ihn und können einen Ort oder etwa eine Handlung identifizieren. Klänge bilden jedoch ebenso eine eigene Identität aus. Sie lösen sich von ihrer Quelle und beginnen ein Eigenleben – als Echo, als Audio-Aufnahme, als Musik. Damit beginnt eine neue Identität, die primär die Identität des Klangs ist.

Zwischen einem Klang und seiner Quelle herrscht folglich einerseits eine Kongruenz andererseits die Spannung einer Differenz. Diese Spannung lässt den Hörer als drittes Element in die Beziehung eintreten. Seine Position, seine Reaktion auf das Vernommene wird zum entscheidenden Faktor in der Beziehung zwischen einem Klang, seiner Quelle und seiner Interpretin oder seinem Interpreten.

RESONANZEN 2012 widmet sich der Spannung zwischen diesen Sphären. Was passiert, wenn wir eine Handlung nicht sehen sondern nur hören? Warum reagieren wir auf die Aufnahme eines Klangs anders, als wenn wir neben dessen Quelle stehen und welcher Unterschied ergibt sich für die Verortung im Raum? Wie bewegen wir uns im akustischen Stadtraum und welche musikalische Qualität besitzt der Hobbykeller?

Die Auseinandersetzung mit Klangsphären der Stadt, von Objekten, Maschinen, Landschaften und Tätigkeiten eröffnet einen Einblick in die Verfasstheit dieser Sphären, ebenso, wie in die Modalitäten ihrer Wahrnehmung und damit auch des Umgangs mit ihnen. Die Auseinandersetzung mit Klangsphären erhält eine politische Bedeutung weit jenseits von offensichtlichen Fragestellungen, wie etwa denen der Klangökologie.

Das Programm von RESONANZEN 2012 präsentiert verschiedene Ansätze, die sich diesen Phänomenen und seinen Agenten annehmen. Klang wird verstanden als Startpunkt einer Auseinandersetzung mit Stadtraum, mit Stadtentwicklung, mit Maschinen und Computern, mit Natur, mit Institutionen u.a. Gleichzeitig werden Klang und Musik zum Arbeitsmaterial.

Die Auseinandersetzung ist dabei nicht auf ein bestimmtes Format oder Genre fokussiert. Ebenso wenig ist es das Programm von RESONANZEN 2012. Es werden Arbeiten aus dem Bereich des zeitgenössischen Musiktheaters, der Performance, dem elektroakustischen Konzert, der Lecture-Performance, der Klangkunst und der Radiokunst präsentiert. RESONANZEN 2012 verfolgt damit sein 2010 formuliertes Ziel, künstlerische Arbeiten mit gleichen oder ähnlichen thematischen Zielrichtungen nebeneinander zu präsentieren – jenseits eingrenzender Genrezuordnungen.

Das Programm von RESONANZEN 2012 präsentiert Gastspiele von Daniel Kötter & Hannes Seidl sowie von Robin Minard und eine Werkstatt mit lokalen und regionalen Künstlerinnen und Künstlern. Diese treffen sich im Vorfeld und in der Woche des Festivals, um sich über ihre unterschiedlichen Ansätze in Bezug auf die benannten Fragestellungen auszutauschen. Die Werkstatt bietet einen Rahmen, um Projektansätze oder neue Konstellationen auszuprobieren. Die Arbeitsergebnisse der Werkstatt werden im Rahmen von RESONANZEN 2012 präsentiert. Mit der Werkstatt wird eine Auseinandersetzung begonnen, die beim nächsten Festival 2014 in eine umfangreiche künstlerische Forschung in und mit dem Stadtraum münden wird.